Wall-Street-Alarm: Wie die drei Zinserhöhungen der BofA die Vermögensallokation in der zweiten Jahreshälfte 2026 verändern könnten

Märkte
Aktualisiert: 24.06.2026 11:10
  1. Juni 2026 – Bank of America Global Research veröffentlichte einen Bericht, der an der Wall Street für erhebliche Unruhe sorgte. Das Team unter Leitung des Chefökonomen für die USA, Aditya Bhave, revidierte offiziell seine bisherige Prognose von „keinen Zinserhöhungen in diesem Jahr" und geht nun davon aus, dass die US-Notenbank Federal Reserve die Leitzinsen im September, Oktober und Dezember 2026 jeweils um 25 Basispunkte anheben wird. Dies entspräche einer Gesamtanhebung um 75 Basispunkte im Jahr und würde die Zielspanne für den Leitzins auf 4,25 %–4,50 % erhöhen. Die Kehrtwende kam überraschend – noch eine Woche zuvor hatte die Bank erwartet, dass die Fed die Zinsen unverändert lässt.

Vor dem Hintergrund, dass die meisten großen Investmentbanken für 2026 von stabilen Zinsen ausgingen, sticht die Prognose der BofA als besonders offensiv hervor. Auch die Deutsche Bank passte am 19. Juni ihre Einschätzung an und rechnet nun mit Zinserhöhungen um jeweils 25 Basispunkte im September und Dezember. Das Szenario der BofA – drei Erhöhungen, unveränderte Zinsen im gesamten Jahr 2027 und keine Zinssenkungen vor 2028 – bleibt jedoch das restriktivste unter den führenden Wall-Street-Instituten.

Dieser Stimmungsumschwung ist kein Einzelfall. Die geldpolitische Sitzung der Fed vom 16. bis 18. Juni 2026 war zugleich der erste öffentliche Auftritt des neu ernannten Vorsitzenden Kevin Warsh. Die Sitzung sendete deutlich restriktivere Signale als vom Markt erwartet – von den 18 Teilnehmern (Warsh selbst ausgenommen) rechneten neun mit mindestens einer Zinserhöhung in diesem Jahr. Zudem hob die Fed ihre Prognose für die Kerninflation (PCE) 2026 von 2,7 % auf 3,3 % an und erwartet, dass das Inflationsziel von 2 % erst 2028 erreicht wird. In der anschließenden Pressekonferenz betonte Warsh mehrfach die „Bedeutung der Wiederherstellung der Preisstabilität" und deutete an, dass die aktuelle Geldpolitik „nicht besonders restriktiv" sei.

Von „Zinssenkungen" zu „drei Erhöhungen": Warum die BofA eine Kehrtwende vollzieht

Die drastische Prognoseänderung der BofA basiert auf einer neuen Interpretation der „Reaktionsfunktion" der Fed – also der geldpolitischen Regel, nach der die Zentralbank ihre Politik an die Wirtschaftsdaten anpasst. Laut BofA hat sich die geldpolitische Logik der Fed strukturell verändert.

Im Arbeitsmarkt, so das Team um Bhave, seien die Abwärtsrisiken „verschwunden". Die aktuelle US-Arbeitslosenquote ist nahezu unverändert gegenüber Mai 2025, als der Leitzins noch um 75 Basispunkte höher lag und die Fed keine Zinssenkungen in Aussicht stellte. Dies unterstreicht einen zentralen Punkt: Der Arbeitsmarktdruck, der zuvor Zinssenkungen rechtfertigte, besteht auf dem aktuellen Zinsniveau nicht mehr.

Beim Thema Inflation äußert sich die BofA noch direkter – „das Inflationsproblem der Fed hat sich eindeutig verschärft". Die Bank erwartet, dass die Kerninflationsrate (PCE) im Mai auf 3,5 % steigt, fast 70 Basispunkte mehr als vor einem Jahr. Mehrere Faktoren treiben die Inflation: Zölle, jüngste Angebotsschocks und der nachlassende dämpfende Effekt des Immobiliensektors. Gleichzeitig bleibt die Kerninflation im Dienstleistungssektor (ohne Immobilien) hartnäckig hoch. Die BofA geht davon aus, dass selbst nach Auslaufen der Sondereffekte die Kerninflation (PCE) Ende 2027 noch bei etwa 2,5 % liegen wird.

Ein tiefergehender Wandel betrifft das geldpolitische Rahmenwerk der Fed. Im Dot-Plot der Juni-Sitzung erwartete keiner der neun Befürworter von Zinserhöhungen einen Rückgang der Arbeitslosenquote bis Jahresende – das heißt, weitere Straffungen sind nicht mehr an die Bedingung eines angespannten Arbeitsmarktes geknüpft. Auch zeigte sich Warsh in der Pressekonferenz vorsichtiger als zuvor gegenüber der These einer „KI-getriebenen Deflation". Die Analysten der BofA vermuten, Warsh wolle mit restriktiver Rhetorik Glaubwürdigkeit aufbauen oder auf klarere Belege für sinkende Inflation bzw. stärkere interne Argumente warten.

Die BofA skizziert zudem vier Szenarien, die den Zinserhöhungspfad unterbrechen könnten: eine deutliche Verschlechterung der Arbeitsmarktdaten im Sommer, mehrere Monate mit unerwartet niedriger Kerninflation (PCE), ein starker Einbruch am Aktienmarkt oder eine Änderung im geldpolitischen Kurs von Warsh. Die Bank hält eine Zinserhöhung bereits im Juli nicht für ausgeschlossen, geht aber davon aus, dass die Fed auf Sommerdaten wartet und die erste Erhöhung gegebenenfalls auf Dezember nach den Zwischenwahlen verschiebt.

Die Märkte folgen: CME FedWatch und der rasche Wandel der Zinserwartungen

Der Bericht der BofA ist kein Ausreißer. Auch das CME FedWatch-Tool zeigt, wie sich die Markterwartungen seit der Juni-Sitzung des FOMC grundlegend verändert haben.

Vor der Juni-Sitzung lag die Wahrscheinlichkeit für eine Zinserhöhung im September laut Marktpreisen bei nur 29,6 %. Nach der Sitzung sprang dieser Wert auf 72,3 %. Am 23. Juni zeigte CME FedWatch eine Wahrscheinlichkeit von 52,2 % für eine kumulierte Zinserhöhung um 25 Basispunkte im September und 21,4 % für eine Erhöhung um 50 Basispunkte. Die jüngsten Daten weisen für September eine Wahrscheinlichkeit von 29,8 % für unveränderte Zinsen aus, für 25 bzw. 50 Basispunkte Erhöhung liegen die Wahrscheinlichkeiten bei 50,6 % bzw. 19,6 %. Für Dezember preisen die Märkte eine Wahrscheinlichkeit von 85,5 % für eine Zinserhöhung ein – deutlich mehr als die 61 % vor der Juni-Sitzung.

Insgesamt preist der Markt für das Jahr 2026 etwa 41,2 Basispunkte an Zinserhöhungen ein – das heißt, die BofA-Prognose von 75 Basispunkten ist noch nicht vollständig eingepreist, aber die Erwartung „keine Erhöhungen in diesem Jahr" wurde deutlich aufgegeben. Die Annäherung dieser Erwartungslücke wirkt sich bereits auf die Vermögenspreise aus.

Kettenreaktion in der Asset-Allokation: Von US-Aktien bis Krypto

Sollte sich die Prognose der BofA bewahrheiten, geraten Anleihen, Aktien und andere zinsabhängige Anlagen erheblich unter Druck. Nach der Juni-Sitzung des FOMC fielen US-Aktien, Staatsanleihen und Edelmetalle, während der Dollar-Index wieder über die Marke von 100 stieg.

Am 23. Juni (Dienstag) schlossen alle drei großen US-Indizes im Minus. Der S&P 500 sank um 1,44 % auf 7.365,46 Punkte, der Dow Jones Industrial Average verlor 0,09 % auf 51.666,84 Punkte und der Nasdaq Composite gab 2,21 % auf 25.587,04 Punkte nach. Besonders Technologiewerte standen unter Druck: Nvidia fiel um 4,15 %, TSMC um 6,62 %, Tesla um 5,79 %, AMD um 5,76 % und Intel um 6,15 %. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen stieg auf 4,50 %, die zweijährige lag bei 4,16 %. Das Research-Team der BofA wies zudem darauf hin, dass der Blasenindikator des Nasdaq 100 die kritische Marke von 0,8 erreicht hat – ein Wert, der typischerweise auf deutlich erhöhte kurzfristige Risiken hindeutet.

Auch Krypto-Assets blieben nicht verschont. Am 24. Juni notierte Bitcoin bei rund 62.546 US-Dollar, ein Minus von 2,1 % binnen 24 Stunden und 4,9 % auf Wochensicht. Nach einem kurzen Fall unter 62.000 US-Dollar erholte sich der Kurs leicht, traf jedoch bei 63.000 US-Dollar auf kurzfristigen Widerstand. Ether entwickelte sich noch schwächer und lag bei 1.662 US-Dollar, ein Rückgang von 3,7 % am Tag und 7,2 % in der Woche. Das ETH/BTC-Verhältnis fiel auf 0,027 – den niedrigsten Stand seit fast zwei Jahren, zuletzt Anfang 2023 erreicht.

Die gesamte Marktkapitalisierung der Kryptowährungen sank auf etwa 2,12 Billionen US-Dollar, ein Rückgang von 2,65 % gegenüber dem Tageshoch. In den letzten 24 Stunden wurden am Markt Positionen im Wert von 2,544 Milliarden US-Dollar liquidiert, davon entfielen 2,404 Milliarden US-Dollar (94 %) auf Long-Positionen. Die Liquidationen bei ETH beliefen sich auf 1,136 Milliarden US-Dollar und übertrafen damit die bei BTC (774 Millionen US-Dollar). Die massenhafte Liquidation gehebelter Long-Positionen verstärkte den Abwärtsdruck zusätzlich.

Die Korrelation zwischen Krypto-Assets und Technologiewerten zeigte sich in dieser Abwärtsbewegung erneut deutlich. Die Korrektur bei asiatisch geführten Halbleiterwerten zog den Nasdaq um 2,21 % nach unten, und die Krypto-Märkte folgten – diese beiden liquiditätssensitiven Anlageklassen bewegen sich bei Stimmungsumschwüngen häufig im Gleichklang. Steigende Zinserwartungen erhöhen die Opportunitätskosten für das Halten nicht verzinslicher Anlagen wie Krypto und drücken zugleich die Bewertungen risikobehafteter Assets.

Neue Allokationslogik: Drei Szenarien als Handlungsrahmen

Basierend auf dem Prognoserahmen der BofA sollte die Asset-Allokation für das zweite Halbjahr 2026 folgende drei Szenarien berücksichtigen:

Szenario 1: Die BofA-Prognose tritt ein (drei Erhöhungen, insgesamt 75 Basispunkte). Der Leitzins steigt auf 4,25 %–4,50 %. In diesem Fall könnte der Dollar-Index weiter zulegen und die US-Zinsstrukturkurve sich abflachen. Für Krypto-Assets bedeutet ein restriktiveres Liquiditätsumfeld anhaltenden Druck auf die Risikobereitschaft. Historisch steigt die Korrelation von Bitcoin mit dem Nasdaq während Zinserhöhungszyklen der Fed – beide reagieren empfindlich auf Liquiditätsbedingungen. Strukturelle Krypto-Narrative (wie ETF-Zuflüsse und steigende institutionelle Allokation) könnten jedoch makroökonomische Gegenwinde teilweise abfedern.

Szenario 2: Marktkonformer Kompromiss (eine oder zwei Erhöhungen, 25–50 Basispunkte). Dieses Szenario entspricht eher den aktuellen LSEG-Daten, wonach der Markt etwa 41,2 Basispunkte an Erhöhungen einpreist. Hier könnten die Preisreaktionen der Assets moderater ausfallen, aber schon die Erwartungslücke kann für Volatilität sorgen – jede Überraschung bei Wirtschaftsdaten könnte eine schnelle Neubewertung der Positionen auslösen.

Szenario 3: Unterbrechung des Zinserhöhungspfads (deutliche Schwäche am Arbeitsmarkt oder stärker als erwarteter Rückgang der Kerninflation). Auch diese Möglichkeit räumt die BofA ein. Sollte sie eintreten, könnten zuvor durch Zinserwartungen belastete Anlagen vorübergehend wieder anziehen. Die BofA betont jedoch, dass ihr Basisszenario von unveränderten Zinsen im gesamten Jahr 2027 ausgeht – Zinssenkungen seien erst ab 2028 zu erwarten.

Fazit

Die Drei-Erhöhungen-Prognose der Bank of America signalisiert eine grundlegende Neubewertung des geldpolitischen Kurses der Fed an der Wall Street. Der Übergang von „Zinssenkungen" über „Stillstand" zu „drei Erhöhungen" – allein die Geschwindigkeit dieses Wandels wirkt sich bereits auf die Vermögenspreise aus.

Für Akteure am Kryptomarkt verschiebt sich das Makronarrativ von „Beta-Rallyes dank lockerer Liquidität" hin zu „struktureller Divergenz im Straffungszyklus". Das Narrativ von Bitcoin als „digitales Gold" könnte in Phasen erhöhter Risikoaversion an relativer Stärke gewinnen – das auf ein Zweijahrestief gefallene ETH/BTC-Verhältnis spiegelt diese Kapitalumschichtung bereits wider. Gleichzeitig erhöhen höhere Zinsen die Kosten für das Halten nicht verzinslicher Anlagen und setzen neue Bewertungsmaßstäbe für Risiko-Assets.

Die kommenden Monate werden vom Zusammenspiel zweier Variablen geprägt sein: Bleibt die Inflation so hartnäckig wie von der BofA prognostiziert? Und kann sich der Arbeitsmarkt trotz Zinserwartungen behaupten? Bis die Datenlage klarer ist, dürften die Märkte volatil bleiben. Anleger sollten ihre Allokation an Szenarien ausrichten, statt auf eine einzige Richtung zu setzen.

FAQ

F1: Wie viele Zinserhöhungen prognostiziert die Bank of America für die Fed im Jahr 2026 und wann?

Die BofA erwartet, dass die Fed die Zinsen im September, Oktober und Dezember 2026 jeweils um 25 Basispunkte anhebt, insgesamt also um 75 Basispunkte im Jahr. Der Leitzins würde von aktuell 3,50 %–3,75 % auf 4,25 %–4,50 % steigen. Nach diesen Erhöhungen rechnet die BofA mit unveränderten Zinsen im gesamten Jahr 2027 und mit ersten Zinssenkungen erst ab 2028.

F2: Wie hoch sind die vom Markt implizierten Wahrscheinlichkeiten für Zinserhöhungen laut CME FedWatch?

Am 24. Juni zeigt CME FedWatch eine Wahrscheinlichkeit von 29,8 % für unveränderte Zinsen im September, 50,6 % für eine kumulierte Erhöhung um 25 Basispunkte und 19,6 % für eine Erhöhung um 50 Basispunkte. Die Wahrscheinlichkeit für eine Zinserhöhung im Dezember liegt bei fast 85,5 % – deutlich mehr als die 61 % vor der Juni-Sitzung des FOMC.

F3: Wie unterscheidet sich die BofA-Prognose vom Marktkonsens?

Die „drei Erhöhungen, 75 Basispunkte" der BofA sind die aggressivste Prognose unter den großen Investmentbanken. Der Markt insgesamt preist etwa 41,2 Basispunkte an Erhöhungen ein – deutlich weniger als die BofA erwartet. Die meisten Broker gingen zuvor für 2026 von unveränderten Zinsen aus.

F4: Welche Auswirkungen hat der Zinserhöhungsausblick auf Krypto-Assets?

Höhere Zinsen erhöhen die Opportunitätskosten für das Halten nicht verzinslicher Anlagen und dämpfen die Risikobereitschaft. Am 24. Juni erholte sich Bitcoin nach einem kurzzeitigen Fall unter 62.000 US-Dollar wieder auf rund 62.546 US-Dollar, während Ether auf 1.662 US-Dollar fiel. Das ETH/BTC-Verhältnis sank auf ein Zweijahrestief von 0,027 und spiegelt damit die Kapitalumschichtung zugunsten von Bitcoins „digitalem Gold"-Charakter im Umfeld steigender Zinserwartungen wider.

F5: Welche Faktoren könnten den Zinserhöhungspfad der Fed unterbrechen?

Die BofA nennt vier Szenarien: eine deutliche Verschlechterung der Arbeitsmarktdaten im Sommer mit steigender Arbeitslosigkeit, mehrere Monate mit unerwartet niedriger Kerninflation (PCE), ein signifikanter Einbruch am Aktienmarkt oder eine Änderung im geldpolitischen Kurs von Warsh. Die BofA schließt auch eine vorgezogene Zinserhöhung im Juli oder eine Verschiebung der ersten Erhöhung auf die Zeit nach den Zwischenwahlen im November nicht aus.

The content herein does not constitute any offer, solicitation, or recommendation. You should always seek independent professional advice before making any investment decisions. Please note that Gate may restrict or prohibit the use of all or a portion of the Services from Restricted Locations. For more information, please read the User Agreement

Teilen

sign up guide logosign up guide logo
sign up guide content imgsign up guide content img
Sign Up
Log In